Wohnhaus Lindenstraße, Berlin
- Text: Dagmar Hoetzel
- Fotos: Werner Huthmacher
Wie baut man ein fünfgeschossiges Wohnhaus auf einem Grundstück mit einem sehr alten und dichten Baumbestand? Die Berliner Architekten sommer + sommer haben eine überzeugende Antwort gefunden: mit einem klaren gestalterischen sowie ökologisch und ökonomisch effizienten Konzept, das immer das Projekt als Ganzes im Blick hatte, wie sie sagen.

Die Bäume auf dem Grundstück in der Köpenicker Lindenstraße zeugen noch von dem Park, der einst zu einem Gutshof gehörte. Zwischen neuem Geschosswohnungsbau auf der einen Seite und einer etwas zurückliegenden denkmalgeschützten Schule auf der anderen ist das fünfgeschossige Wohnhaus eingepasst zwischen dem Baumbestand – besonders markant sind zwei große alte Eichen, die das Gebäude links und rechts rahmen. Bei der Suche nach einer Lösung, sie zu erhalten und gleichzeitig eine effiziente Grundstücksausnutzung zu erreichen, entstand ein markanter Kubus, erzählen die Architekten Heike und Detlef Sommer.
„Wir wollten aber ein Haus an der Straße, deswegen haben wir diese trapezförmige Grundform gewählt. Die seitlichen Fassaden fächern sich aus und werden so zur Straße hin als Fassade wirksam.“
Heike Sommer

Das Haus erstreckt sich in seiner Längsausrichtung in die Tiefe des Grundstücks, lediglich die schmalste Front orientiert sich zur Straße. „Wir wollten aber ein Haus an der Straße, deswegen haben wir diese trapezförmige Grundform gewählt. Die seitlichen Fassaden fächern sich aus und werden so zur Straße hin als Fassade wirksam.“, erläutert Heike Sommer.


Die 53 überwiegend 1- bis 2-Zimmer-Wohnungen reihen sich an den Längsseiten auf. Ausnahmen bilden die Eckwohnungen, sie sind größer und von zwei Seiten belichtet. Um den Kubus herum sind Loggien angeordnet – jeweils schuppenartig gegeneinander versetzt verstärken sie optisch die gewünschte Auffächerung in die Breite. Alle Einheiten sind mit einem offenen großen Koch-, Ess- und Wohnbereich konzipiert. Auch die mittig innenliegenden Erschließungsflure sind großzügig bemessen und farblich geschossweise wechselnd gestaltet. Sie spiegeln die trapezförmige Form im Innern wider, sind mit Bänken und Kunst ausgestattet und laden die Bewohner ein, sich diese Räume anzueignen, als Aufenthaltsort, zur Kommunikation, für Gemeinschaftliches. Zwei Treppenhäuser gewährleisten die notwendigen Rettungswege innerhalb des Hauses – so konnte auf eine Versiegelung des umgebenden Gartens für die Feuerwehr verzichtet werden – und bringen mit raumhohen Verglasungen Licht in die Flure.


Heike und Detlef Sommer sind zugleich Architekten und Bauherren des Hauses. Ihnen ist es gelungen, die sich oftmals als Spagat darstellenden Ansprüche an eine hohe Gestaltqualität einerseits und an Kosteneffizienz andererseits in einer kohärenten Gesamtkonzeption umzusetzen. Eine überzeugende Balance von einfacher Standardausstattung, gemischt mit höherwertigen Elementen, zieht sich durch das ganze Bauwerk.
Dazu gehört auch die nahezu CO2-neutrale Eis-Energiespeicher-Heizung, bestehend aus einer Wärmepumpe, Solarabsorbern auf dem Dach und einem unterirdischen Eisspeicher. Dieser vereist und taut im jahreszeitlichen Wechsel, beim Phasenwechsel von Wasser zu Eis wird Wärmeenergie entzogen. Im Sommer lässt sich die Heizung umstellen auf „Natural Cooling“, dann wird kaltes Wasser aus dem Eisspeicher in die Fußbodenheizung eingeleitet und die Raumtemperatur lässt sich um circa drei Grad reduzieren.
Neben dieser sehr ausgeklügelten Technik kamen sowohl konventionelle Bauweisen – die Außenwände bestehen aus einer 72 Zentimeter dicken, zweischaligen Stahlbetonkonstruktion, Decken, Stützen und Unterzüge sind in Ortbeton hergestellt und roh belassen – als auch eine Reihe seriell produzierter Elemente zum Einsatz – die Bäder wurden fertig ausgestattet als komplette Module eingebaut, alle Fenster sind baugleich. Und die Loggien bestehen aus einer Struktur von selbsttragenden Beton-Fertigteilen – mit einer Reminiszenz an die Historie des Ortes.
„Das Blatt, das hier an einem Baum hing, ist immer noch da und erfüllt einen Zweck.“
Detlef Sommer

Von den Bäumen, die im Zuge des Baus gefällt wurden, haben die Architekten Säcke voller Laub gesammelt, diese zum Betonfertigteilwerk gebracht und schließlich eine Lösung gefunden, wie man die Blätter als Abdrucke in der Oberfläche integriert: das Laub aus einem Meter Höhe in die Schalung fallen lassen und dann den Beton einfüllen. So ist jedes Fertigteil ein Unikat geworden. Das Ergebnis ist sehr unterschiedlich, manche Abdrücke sind kaum noch als Blätter zu erkennen, manche ergeben eine sehr schöne Ornamentik. „Das ist die Story“, sagt Detlef Sommer, „das Blatt, das hier an einem Baum hing, ist immer noch da und erfüllt einen Zweck.“
Im hinteren Teil des weitläufigen Gartens befindet sich noch ein besonderes Objekt: ein BANGA, eine futuristische Wohnzelle aus glasfaserverstärktem Kunststoff, entworfen 1971 von dem italienischen Designer Carlo Zappa. Jahrelang hatte das kugelförmige Kleinstferienhaus mit einer Grundfläche von 8,1 Quadratmetern in Sizilien am Strand gestanden, war verwahrlost, wurde dann in Chemnitz umfassend saniert und steht nun in der Originalausstattung mit zwei Etagenbetten, einer Kitchenette und einer Sanitärzelle mit WC, Dusche und Waschbecken den Mietern des Hauses zur Verfügung, wenn diese ihren Besuch nicht in der Wohnung unterbringen können.

In den Bädern überzeugen Eurosmart Cosmopolitan Waschtischarmaturen und Tempesta Brausen mit der Verbindung aus ansprechendem Design und
hoher Funktionalität sowie Langlebigkeit.
Architekten
sommer + sommer architekten
Uhlandstraße 158
10719 Berlin,
Das Architektenpaar Heike und Detlef Sommer gründete 2000 ihr Büro in Berlin. Schwerpunkte der Tätigkeit sind sämtliche Architektenleistungen in allen Leistungsphasen. Darüber hinaus beschäftigen sich die Architekten mit der Projektentwicklung und dem Gebäudemanagement von Immobilien für Dritte. Detlef Sommer lehrt das Fach Construction Management im Rahmen von Study Abroad Berlin für das Wentworth Institute of Technology in Boston, Massachusetts.
Projekte (Auswahl)
2019 Neubau Mehrfamilienwohnhaus in B-Köpenick
2019 Umbau der Kassenhalle einer Bank in B-Charlottenburg
2014 Neubau eines Einfamilienhauses in Teltow
2010 Umbau Altes Rathaus in B-Reinickendorf
2008 Umbau Einfamilienhaus in Essen