PORTRÄT UND INTERVIEW

Im Gespräch mit... HENN und Kinzo, Berlin

Büro im Wandel, Arbeit neu denken: HENN

  • Text: Therese Mausbach
  • Fotos: Jasmin Schuller

Heute setzen Großkonzerne weltweit auf die Bürohausarchitektur von HENN. Der Name gehört zu einer bekannten Architektenfamilie, die Büros in mittlerweile dritter Generation betreibt. Das großväterliche Fundament hindert nicht daran, dem Wandel der Zeit gerecht zu werden. Neben Laborgebäuden, etwa in Frankreich (Bauwelt 4.2020) und der Schweiz, erweisen sich vor allem die Innovationszentren und Verwaltungsbauten in China wie in Deutschland als richtungsweisend.

Am Alexanderplatz ist es nur ein kurzer Weg zum Büro von HENN. Auf drei der insgesamt achtzehn Geschosse verteilen sich die Mitarbeiter im „Haus des Reisens“. Die einstige Hauptdirektion des DDR-Tourismus steht seit fünf Jahren unter Denkmalschutz – eine Auszeichnung, die auch dem Münchener Osram-Verwaltungsgebäude von Walter Henn (1912–2006) gerecht geworden wäre. Der kubische Skelettbau mit vorgehängter Leichtmetallfassade hatte bei offenem Grundriss eine freie Arbeitsweise ermöglicht und war zu seiner Entstehungszeit Mitte der Sechziger als Großraumbüro wegweisend. Inzwischen musste er einer Luxuswohnanlage weichen.

2012 bezog HENN das denkmalgeschützte Büro am Alexanderplatz. Zuvor waren
Sanierungsmaßnahmen notwendig, um den original belassenen Zustand auf
das Wesentliche zu reduzieren.

Nach dem Krieg hatte Walter Henn noch an der Hochschule seiner Heimatstadt Dresden gelehrt, bis er 1953 an die TU Braunschweig wechselte. Zusammen mit Friedrich Wilhelm Kraemer und Dieter Oesterlen war Walter Henn einer der Lehrer der einflussreichen Braunschweiger Schule. Seine Veröffentlichungen zur Baukonstruktion und zum Industriebau sind Standardwerke.

Sein 1947 geborener Sohn Gunter Henn führt die Doppelfunktion als Architekt und Universitätsprofessor grenzüberschreitend fort. Auch er lehrte in Dresden, zudem am MIT in Cambridge, und gründete die Büros in München sowie später in Berlin und Peking. Autohersteller wie Audi, Škoda, Bugatti, Porsche, BMW oder VW setzen beim Ausbau ihrer Konzerne auf neue Lösungen von HENN: In Dresden entstand zudem die erste „Gläserne Manufaktur“ (Bauwelt 8.2002). Sie macht die Fabrikation des VW Phaeton für Kauf- und Schaulustige transparent. Die Realisierung der Autostadt Wolfsburg symbolisiert abseits ihrer schweren Industriebauten die visionären Mobilitätsideen zur Jahrtausendwende (Bauwelt 17/18.1998).

Gemeinsam mit der Architektin Ulrike Henn hat Gunter Henn drei Kinder. Zwei von ihnen haben sich der Medizin bzw. dem Film zugewandt, eines der Architektur: Martin, 1979 geboren, studierte in Stuttgart, Zürich und an der Columbia University in New York, wo er bei Asymptote Architecture arbeitete, dann in London bei Zaha Hadid, bevor er 2008 in das väterliche Planungsbüro einstieg.

„München, Berlin und Peking haben jeweils eigene Architektur- und Interior-Studios und können von der ersten bis zur letzten Phase alles abbilden.“

Martin Henn

Das Büro hat inzwischen knapp 400 Mitarbeiter an den drei Standorten. Gunter und Martin Henn werden heute von zweiundzwanzig Partnern unterstützt, die die Bauprojekte und internen Arbeitsprozesse mitbetreuen. Während Gunter Henn in München arbeitet, pendelt Martin Henn zwischen den drei Standorten. Früher waren die Projekte in Deutschland in Nord und Süd aufgeteilt, berichtet Martin Henn: „Das hat sich vollkommen gewandelt. Wir verstehen uns nicht als getrennte Büros. Die Teams ordnen sich standortübergreifend den Projekten zu. Berlin und Peking haben auch ihre eigenen Design-Studios, sodass alle Standorte von der ersten bis zur letzten Phase alles abbilden können.“ Seit den Neunzigern ist das Büro in Berlin-Mitte auf 120 Architekten und Planer angewachsen. Von der gediegenen Sophienstraße zog es an den rohen Alex: „Über den Dächern vom Alexanderplatz, das hat schon etwas sehr Urbanes, das hat uns gereizt und passt besser zu uns. Gerade hier ist es – mit allem, was dazugehört – sehr divers (lacht). Aber auch authentisch und ehrlich und im Wandel. Ein spannender Ort.“

Im Gespräch mit …
HENN und Kinzo, Berlin

Martin Henn, HENN

Für das Zalando-Hauptquartier haben sich die Architekten von HENN mit dem Interior-Design-Büro Kinzo zusammengetan und gemeinsam außen und innen vereint. Martin Henn, Managing Director und Head of Design bei HENN, und Chris Middleton, Gründungspartner und Geschäftsführer von Kinzo, gewährten der Bauwelt Redaktion Einblicke in die Zusammenarbeit und ihre neuen Ideen für zukunftsgewandte Architektur im digitalen Zeitalter.

Therese Mausbach (Bauwelt): Wie sind sich HENN und Kinzo begegnet?

Martin Henn (HENN): Natürlich kannten und schätzten wir die Arbeit von Kinzo, schließlich sind für uns beide Büro- und Arbeitswelten ein Fokusthema. Wir haben festgestellt, dass da eine ähnliche Denkweise aufeinandertrifft: sehr konzeptionell, sehr programmatisch getrieben. Wir beschlossen, wenn sich ein Wettbewerb anbietet, dann melden wir uns beieinander. Und so kam es recht bald danach.

Chris Middleton (Kinzo): Ihr habt uns damals hier in euer Büro eingeladen und uns ein paar Projekte gezeigt. Zwei Monate später kam der Wettbewerb von Zalando.

TM: Das heißt, Sie haben bei dem Entwurf für Zalando von Anfang an miteinander kooperiert?

MH: Ja. Wir hatten eigentlich bis dato noch keine Erfahrung mit Start-ups und jungen Unternehmen. Wir blicken zwar zurück auf eine lange Geschichte im Bereich der Arbeitswelten bis zu meinem Großvater, wenn wir an das Osram-Verwaltungsgebäude in München von 1965 denken. Mit einem Industriebau im klassischen Sinne, also mit der Produktion von Gütern, hat Zalando aber nicht mehr sehr viel zu tun. Hier geht es eher um die Produktion von Ideen. Deshalb haben wir uns an Kinzo gewandt und gefragt, ob Interesse besteht, mit uns gemeinsam diesen Wettbewerb zu bestreiten.

Chris Middleton, Kinzo

TM: Schließlich war Zalando für Kinzo nicht das erste Start-up-Projekt.

CM: Anfangs entwarfen wir für kleine Start-up-Firmen, die Axel Springer angegliedert wurden. Eines der spannendsten war tatsächlich SoundCloud in einer alten Berliner Brauerei am Mauerstreifen in Mitte an der Grenze zu Wedding. Wir haben Deckendurchbrüche vorgenommen und vertikale Verbindungen geschaffen. Durch die Architektur entwickelte sich für das Start-up eine neue Identität, die im analogen Sinne noch nicht definiert war. Als wir gemeinsam das Konzept für Zalando entwickelten, nahmen wir das zum Leitmotiv.

TM: Wie definierte Zalando im Wettbewerb seine Vorstellungen?

MH: Der Wettbewerb war gut vorbereitet und mit klaren Zielsetzungen versehen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir gebeten wurden, nicht den Arbeitsplatz neu zu definieren, sondern den Weg dorthin. Nur wenige der Mitarbeiter hocken von neun bis achtzehn Uhr an ihrem Arbeitsplatz. Vielmehr suchen sie sich, je nach Tätigkeit, einen Ort für konzentriertes Arbeiten oder für die Interaktion mit anderen.

CM: Wir haben gemeinsam verschiedene Zalando-Standorte besichtigt, sind mit Nutzern ins Gespräch gekommen und haben geschaut, wie sie arbeiten. Wir versuchen uns in die Nutzer hineinzuversetzen und spielen unterschiedliche Szenarien durch. Gerade kooperieren wir mit einem Forschungsprojekt zu den Entwicklungen von Arbeitsplätzen. 

Ulrich Brinkmann (Bauwelt): Wie würden Sie die räumlichen Spezifika solch eines Start-ups gegenüber einer klassischen Büroarbeitswelt charakterisieren?

CM: Grundsätzlich ist in einem Start-up die Belegschaft jünger und damit die Bereitschaft größer, Experimente zu wagen. Das bietet die Chance, Prototypen zu testen: besondere Orte, die in einem klassischen Büro nicht umgesetzt oder genutzt werden. Gerade in der jetzigen Zeit, wo es darum geht, die besten Köpfe und Talente als Mitarbeiter zu akquirieren, konkurrieren natürlich auch große Unternehmen mit Start-ups. Dass sich beide Welten immer weiter annähern, zeigt Zalando. Im Prinzip ist das Unternehmen innerhalb von zehn Jahren von einem Start-up rasant zu einem Konzern gewachsen.

MH: Das betrifft gerade den sozialen Aspekt. In das Zalando Headquarter sind eine Kita, eine Cafeteria, eine Kantine, ein Fitnessstudio, ein Basketball-Court, eine persönliche Post-Box und eine begrünte Dachterrasse integriert. Ich glaube, spezifisch für ein junges Unternehmen ist die Einbindung all dieser Bereiche. Was neben der Arbeit stattfindet, hat einen unglaublich hohen Stellenwert und nimmt dementsprechend Raum ein. Von den Mitarbeitern wird das sehr gut angenommen und schafft natürlich Zusammenhalt und eine gewisse Zufriedenheit.

CM: Insbesondere junge Generationen spricht dieses Konzept an. Sie kommen frisch nach Berlin und können Freundeskreise bilden, was die Unternehmensidentifikation fördert, sehr divers ist und in unterschiedliche Richtungen gehen kann.

UB: Wirkt sich eine Raumstruktur, wie in diesem Doppel-X-Gebäude realisiert, auch auf die energetische Performance des Gebäudes aus?

MH: Die Struktur ist durchaus auch, aber nicht primär aus energetischen Gründen abzuleiten, sondern aus den Bürokonzepten, die wir verfolgen. Den Innenhof haben wir zum Atrium gemacht, was energetisch erstmal von Vorteil ist. Das Gebäude hat das Zertifikat DGNB Gold erhalten. Für diese Auszeichnung sind die Kriterien einmal ökologischer Art und beziehen sich auf den Energieeintrag und die Nachhaltigkeit. Dazu kommen ökonomische Aspekte: Wie hoch ist der Energieverbrauch des Gebäudes? Außerdem geht es um soziale Aspekte. Wie wohl fühlen sich die Leute darin? Wie gut kann darin gearbeitet werden? Bis hin zu Standortfaktoren: Welchen Mehrwert bietet dieses neue Gebäude für seine Umgebung? Nicht nur aus umwelttechnischer Sicht, sondern auch im Sinne der Social Performance sowie im städtebaulichen Kontext trägt das Gebäude zur Nachhaltigkeit bei.

„Es ist selten, dass man die Anforderungen und Wünsche der Zeit so trifft.“

Martin Henn

TM: Also sind Ihre Erwartungen, wie das Zalando Headquarter angenommen wird, erfüllt?

CM: Ja, es ist spannend zu sehen, wie die Nutzer das Gebäude annehmen. Gerade wenn man durch das Atrium geht, erkennt man sein Potenzial. Es könnten sogar noch mehr Mitarbeiter oder temporäre Gäste dort unterkommen.

MH: Meine Erwartungen hat es sogar übertroffen. Meistens sind Gebäude ihrer Zeit entweder voraus oder sie hinken ihr hinterher. Es ist selten, dass man die Anforderungen und Wünsche der Zeit so trifft, dass es genau passt. Denn zwischen Konzeption und Realisierung liegen immer ein paar Jahre und oft kommen unsere Bauherren aus konservativeren Arbeitsumgebungen. Es muss sehr viel Change-Management betrieben werden, damit der Raum so angenommen und genutzt wird, wie er gedacht ist. Bei Zalando hat man das Gefühl, das funktioniert vollkommen von selbst. So ein junges Unternehmen ist dynamisch, da muss man niemanden durch Change-Management überzeugen, sich mit seinem Laptop in das Atrium zu setzen, das passiert von selbst. Insofern haben wir auch sehr dankbare Nutzer, die für meine Begriffe das Haus voll besetzen; im Übrigen eine der Metaphern, die uns vorgegeben wurde, ist die Hausbesetzung. Es sollte eine Bühne geschaffen werden, die noch nicht perfekt durchgestaltet ist, sondern den nötigen Freiraum für die Teams bildet, sich das Haus zu eigen zu machen. Das spürt man im Gebäude, finde ich, eigentlich sehr gut.

UB: Sie arbeiten weiterhin zusammen? Es gibt ein Projekt in Leverkusen, das Sie gemeinsam erarbeiten?

CM: Ja, genau. Ein Bürogebäude für das Chemieunternehmen Covestro.

MH: Da sind wir für die Architektur zuständig. Was das Interior Design angeht, standen wir im Wettbewerb zu Kinzo und haben euch dann quasi den Vortritt gelassen (lacht). Also Kinzo hat diesen Wettbewerb gewonnen. Es ist oft so, dass unsere Bauherren nicht automatisch uns auch für das Interior Design beauftragen, auch weil sie da eine gewisse Vielfalt mit reinbringen wollen. Aber das belebt das Geschäft und da gibt es hoffentlich noch viele schöne Möglichkeiten, so etwas wie Zalando gemeinsam zu wiederholen.

CM: Wir kooperieren häufig, teilweise schon in der Wettbewerbsphase, mit namhaften Architekturbüros. Mit Foster + Partners machen wir gerade in Budapest eigentlich unser größtes Projekt.

TM: Ist bei Zalando inzwischen die nächste Erweiterung geplant?

MH: Nach dem Doppel-X-Gebäude und dem danebengelegenen Würfel entwerfen wir nun einen zweiten Kubus für Zalando. Parallel treibt das Unternehmen aber auch andere Projekte in Friedrichshain-Kreuzberg voran.

CM: Ich habe gehört – auch wenn wir derzeit nicht in weiteren Zalando-Projekten involviert sind – ,dass genau die Konzepte aus dem Headquarter auf die anderen Standorte übertragen werden. Insofern scheint es wirklich zu funktionieren.

MH: Da viele Mitarbeiter in mehreren der Gebäude arbeiten, wird der Versuch gewagt, die Grammatik in Teilen auf die anderen Häuser zu übertragen. Es ist als ein Campus zu verstehen, mit dem Doppel-X-Gebäude als das Herzstück.

Architekten

HENN GmbH

Alexanderstraße 7
10178 Berlin

www.henn.com

Das international tätige Architekturbüro HENN wird von Martin und Gunter Henn sowie zweiundzwanzig Partnern in München, Berlin und Peking in den Bereichen Arbeitswelt, Kultur, Lehre und Forschung sowie Produktion und Masterplanning geleitet. Mit einem interdisziplinären, 400 Mitarbeiter großen Team von Architekten, Designern, Planern und Ingenieuren werden Projekte auf der Basis von drei Generationen Bauerfahrung und mit Hilfe von zeitgenössischen Gestaltungstechnologien umgesetzt. Jedes Projekt wird nach den individuellen Anforderungen sowie kulturellen Kontexten entwickelt und in jeder Phase vom Büro als Generalplaner begleitet.

Kinzo Architekten GmbH

Rudi-Dutschke-Straße 26
10969 Berlin

www.kinzo-berlin.de

Das Büro Kinzo wurde 2005 von Karim El-Ishmawi, Martin Jacobs und Chris Middleton in Berlin gegründet und besteht heute aus über 50 Architekten, Innenarchitekten und Designern, die weltweit für internationale Unternehmen an der Schnittstelle von Innenarchitektur und Design im Bereich Lebens- und Arbeitswelten tätig sind. Durch enge Zusammenarbeit mit den Kunden und genaue Analyse der Projekte entwickelt Kinzo individuelle und nachhaltige Lösungen und begleitet sie in allen Leistungsphasen.

Projekte (Auswahl)

HENN

2022 Westlake University, Hangzhou; Haikou Tower, Haikou; Gasteig, München,
2018 Merck Innovation Center, Darmstadt

 

Kinzo

2020 DSGV (Deutscher Sparkassen- und Giroverband) Newsroom (Berlin)
2019 Suhrkamp Verlag (Berlin)
2019 AmorePacific F21 (Seoul)
2018 Miele (Gütersloh)

Weitere Beiträge